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Reife Bären brummen lauter

Reife Bären brummen lauter Schwarze Lederjacken und weiße Bärte – angesichts weißbärtiger Kerle auf schweren, donnernd daherkommenden Maschinen stellt sich die Frage, weshalb sich Herren in den besten Jahren zunehmend gerne auf zugige Motorräder setzen, wo es doch so bequeme Automobile gibt. Text und Fotos: © Bernhard Bürkle

Wenn Vladimir Putin bei einem Motorradtreffen in Sewastopol mit einem Harley-Davidson-Trike auftaucht und dabei unter Applaus verkündet, Biken sei die „demokratischste Form der Fortbewegung“, dann muss da schon was dran sein an dieser Art des Fahrens unter freiem Himmel. Und dass er dabei den modernen Kompromiss zwischen zwei- und vierrädrigen Fahrzeugen wählt, nämlich das Dreirad oder Trike, ist erneut Ausdruck eines seit Jahren anhaltenden Trends, dem mehr und mehr die reifere Generation zu verfallen scheint: Dem Motorrradfahren auf die gemütliche Art.
Es sei, so die übereinstimmende Antwort von Senior-Bikern, der Wunsch nach Freiheit – im doppelten Sinne: das zwang- und meist auch ziellose Dahingleiten über wenig befahrene Landstraßen einerseits, zum anderen aber auch die Freiheit, nicht (mehr) in gediegener Businesskleidung einen möglichst seriösen Eindruck auf wen auch immer machen zu müssen. Da kommen Verhaltensmuster zum Vorschein, die zwischen den Erkenntnissen von Sigmund Freud und Konrad Lorenz angesiedelt sind: Männer seien im Grunde „Männchen“, also stammesgeschichtlich gesehen männliche Tiere, denen Imponiergehabe nun mal in die Wiege gelegt, also genetisch fixiert sei. Diese „Grundprogrammierung“ muss der Mann als solcher sein Lebtag unterdrücken, denn Rangkämpfe um Weibchen oder Futter sind generell in zivilisierten Gesellschaften nicht mehr Usus. Gleichwohl blieb der Antrieb dazu rudimentär bis heute erhalten, und diesem Trieb zu folgen genehmigt man sich entweder zeitweise in jungen oder aber in den reiferen Jahren, wenn der Druck des Berufs- und Familienlebens noch nicht oder aber nicht mehr gegeben ist.
Nochmal „die Sau rauslassen“, jetzt endlich tun, was man schon immer tun wollte, ignorieren, was „man“ zu tun oder zu lassen hat und statt dessen das tun, was ein Mann eben tun muss oder möchte – das ist die stärkste Antriebsfeder, die Männer auf Maschinen zwingt. Und wenn schon Motorrad, dann aber richtig, so das Credo derer, die besonders brav in der Spur gelaufen und alles erfüllt haben, was die Gesellschaft von ihnen gefordert hat. Ein untrennbarer Doppelname steht wie kein anderer als Symbol für die Erfüllung dieses Ur-Wunsches nach männlicher Geltung: Harley-Davidson. Solide Komponenten aus gediegenem Stahl sorgen für gewaltiges Gewicht, ein großvolumiger Motor mit den typischen, langhubigen Zylindern in V-Anordnung, breite Reifen und breite Lenker, dazu nicht die übliche Sitzbank, sondern ein mächtiger Sattel wie für einen Pferderücken und letztlich breite Trittbretter statt zierlicher Fußrasten mit einem Bremspedal, wie es sonst nur in Lastwagen verbaut wird – das sind die klassischen Attribute für eine Harley. Und nicht zu vergessen, vielleicht das Wichtigste: der Sound. Mit tiefem Donnergrollen muss sich ein Harleyfahrer schon von Weitem ankündigen, damit sich jedermann auf einen respektvollen Empfang einstellen und ggf. sein „Weibchen“ in Sicherheit bringen kann.
Dazu gehört natürlich auch ein entsprechendes Outfit: Schwarz muss es sein und bedrohlich wirken, ganz im Sinne eines richtigen Kerls, der solch schweres Gerät zu beherrschen in der Lage ist. Die obligatorische schwarze Sonnenbrille, üblicherweise eine Ray Ban Modell „Wayfarer“, macht den Biker vollends zum Unnahbaren, zum einsamen Bären, zum Lonesome Rider, dem man besser nicht dumm kommen sollte. Dabei verbergen sich hinter der rauen Schale, hinter dem martialischen Auftritt zumeist einfach nur kreuzbrave Männer, die keiner Fliege etwas zuleide tun und anständiger als so mancher Zeitgenosse, der seine Umwelt mit geleaster S-Klasse und sonstwie erworbener Rolex zu beeindrucken sucht.
Da ist zum Beispiel Peter „Petrus“ Schlecht (61), ein Bulle von einem Mann auch ohne Lederjacke. Selbst kinderlos, beglückte er sein ganzes Berufsleben lang Millionen von Kindern als verantwortlicher Redakteur von Micky Maus und anderer beliebter Comic-Magazine. Er ist mit „Minnie“ unterwegs, die schwarz ist, mit Motorradbrille im schwarzen Beiwagen der schweren Harley „Softtail Heritage“ Baujahr 1981 sitzt, der Hunderasse Neufundländer angehört und mit vollem Namen „Bear’s Cove Harley Davidson“ heißt. Kein Witz, die Züchterin hatte den Welpen bereits so getauft, noch ehe die Schlechts den Zwinger aufsuchten. Dann allerdings war’s schnell beschlossen, nomen est omen! Und da sich ein Hund auf dem Rücksitz nicht richtig festhalten kann, wurde die schwere, schon etwas betagte Maschine (Baujahr 1981) fachmännisch zum Gespann umgebaut und mit allerlei Extras versehen, die das Motorradfahren auch für einen Hund zum reinen Vergnügen machen. Natürlich ist Peter Schlecht mit seiner Sozia nicht nur in Bikerkreisen bekannt wie der sprichwörtliche „Bunte Hund“ und trägt – in Anlehnung an ein neueres Western-Epos – den Untertitel „Der mit dem Hund fährt“. Ehefrau Bärbel bekam ihre eigene Harley, und seitdem ist man zu dritt unterwegs und sorgt für Aufsehen, wo immer man hinkommt. „Wichtig sind in diesem Fall auch die großen Stauräume, die auf größeren Touren auch zusätzliches Hunde-Equipment aufnehmen“, sagt Petrus, dem das Wohl seiner flauschigen Beifahrerin sehr am Herzen liegt. Demnächst soll es noch ein individuelles Cabrio-Verdeck für Minnie geben, „falls die Sonne mal zu sehr sticht oder wir in einen Regenschauer geraten.“
Oder Dietrich Eckhardt, seines Zeichens unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Landesseniorenrates Baden-Württemberg. Ein höchst korrekter Beamter durch und durch, der, so scheint es, schon mit Krawatte zur Welt kam und jetzt, im Un-Ruhestand, weiterhin in diversen Gremien sitzt und Dinge bewegt, die man ihm unter dem Helm nicht zutrauen würde. „Seit ich denken kann“, sagt er, „fahre ich alle möglichen Typen von Zweirädern, und zwar nicht wie heute nur zum Vergnügen, sondern zunächst aus finanziellen Gründen, denn ein Auto konnte man sich damals nicht leisten als junger Mann. Und über das Motorrad habe ich auch meine Frau kennengelernt, die mich seitdem bis heute als Sozia begleitet.“ In seiner langen Aufzählung als Zweirad-Fahrzeughalter finden sich Klassiker wie Horex oder NSU Max, aber auch so exotische „Mischwesen“ wie der berühmte Messerschmitt Kabinenroller, ein überdachtes Dreirad mit flugzeugähnlicher Glaskuppel. Heute fährt er in seiner Freizeit eine Yamaha Intruder, die mit den klassischen Harley-Davidson-Attributen wie dem langhubigen V-Motor oder dem tiefen Einzelsattel sowie einer schräg gestellten Frontgabel in die Kategorie „Chopper“ einzuordnen ist.
Oder Rolf Ziegler, der im richtigen Leben eine medizinische Fußpflegepraxis betreibt und ob seiner sanften Hände und liebevollen Art besonders bei reiferen Damen höchstes Ansehen genießt. Auch für ihn ist die Harley Entspannung pur: „Wenn ich im Sattel sitze, den Motor höre und mir der Fahrtwind um die Nase pfeift, dann bin ich in einer völlig anderen Welt, bin ich einfach ein anderer Mensch!“ Es sei, so gesteht er, ein bisschen wie früher an Fasching, als schlüpfe man mit der Bekleidung, gerne als „Kluft“ bezeichnet, in eine andere Rolle, die man dann für eine Zeitlang ernsthaft spielt und genießt.

Oder Dieter Wäschle, stellvertretender Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Baden-Württemberg DEHOGA und höchst angesehener Hotelier in Konstanz, wo er auch im Aufsichtsrat des Tourismusbüros u.a. die „Konstanzer Sommernächte“ organisiert. Er gehörte einst dem Harley-Davidson-Club Region 7 an, kommt aber ob seiner gesellschaftlichen wie lokalpolitischen Aktivitäten kaum noch zum Motorradfahren. Ganz anders Uwe Donath (56), der als Leiter der Volkshochschule Radolfzell ebenfalls noch vielerlei andere „Pöstchen“ bekleidet, dabei den Motorroller, eine Honda SH 300 i, ganzjährig als „schnelles, wendiges Fahrzeug mit günstiger Ökobilanz“ nutzt. Eine Yamaha XJS 900 mit 104 PS wird für sportlichen Fahrspaß meist nur am Wochenende aus der Garage geholt.
Während „normale“ Motorrad-Hersteller überwiegend agile Sportlichkeit in schrillen Farben an den (jüngeren) Mann zu bringen versuchen, baut der namhafte US-Hersteller Harley Davidson seinen legendären Ruf unbeirrt weiter aus, der nicht zuletzt besonders bei der – inzwischen reiferen – 68-er Generation in dem Filmklassiker „Easy Rider“ begründet ist. Verschiedene Modelle sind auch hier im Angebot, allen gemein ist aber nicht die Geschwindigkeit, sondern vielmehr der Nimbus der unbegrenzten Freiheit, der Gewaltigkeit hinsichtlich Größe, Gewicht und Hubraum sowie der unendlichen Highways durch die amerikanische Prärie. Apropos Gewicht: Da gibt es noch eine Steigerung, die Krone auf 2 Rädern sozusagen: Der amerikanische Hersteller Boss Hoss baut in Einzelanfertigungen Cevrolet-Achtzylinder-PKW-Motoren mit einem Hubraum bis zu 8,2 Litern zwischen zwei Räder, die dann mit über 500 kg daherkommen. Nur für’s Foto posiert der 80-jährige Walter Fritz auf diesem „Elefanten“, aber der sei ihm dann doch zu fett, ihm genüge seine Harley völlig.
Was reifere Biker wohl am meisten schätzen ist dieses Gefühl von Freiheit und das Beherrschen klassischer Technik mit großer Geschichte. „Man nimmt seine Umwelt beim Fahren erst so richtig wahr, viel mehr als im Auto – die Gerüche, die Temperatur, alles ist unheimlich präsent“, so der allgemeine Tenor. Und, zugegeben: man fällt auf alle Fälle auf, wo immer man hinkommt und die Maschine brummen lässt! Na ja, vielleicht tut so ein Mehr an Aufmerksamkeit einem „unruhigen Ruheständler“ ja doch besonders gut…!

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