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Wie sieht die derzeitige Lage in Deutschland aus, Herr Güvercin?

Die Bundestagswahl liegt nun knapp einen Monat hinter uns. Es ist also ein bisschen Zeit vergangen, um die Wahl und unsere derzeitige gesellschaftliche Lage mit etwas Abstand analysieren zu können. Wir haben mit Eren Güvercin genau darüber gesprochen. Er ist freier Journalist und arbeitet für verschiedene Zeitungen und Hörfunksender. Außerdem betreibt er einen eigenen Blog unter dem Titel "Grenzgängerbeatz".

Schöne Jahre: Wie sehen Sie Deutschland nach der diesjährigen Bundestagswahl?

Eren Güvercin: Das Ergebnis war ja schon in den letzten Wochen absehbar. Die CDU und vor allem die SPD haben sehr stark an Wählerstimmen verloren, was nicht wirklich überraschend ist nach einer Großen Koalition. Vor allem die SPD hat einen enormen Verlust erlitten und sich sofort nach den ersten Hochrechnungen beschlossen, in die Opposition zu gehen. Das ist sicher die richtige Entscheidung. In der Opposition kann die SPD sich wieder neu aufstellen, und sich dadurch stabilisieren und politisch besser profilieren. Es war klar, dass die AfD stark abschneiden wird, aber dass sie dann so klar drittstärkste Fraktion wurde, hat doch schon einige überrascht. Man wird sehen, wie es im Bundestag weitergehen wird mit der AfD, und ob sie sich nicht selber dezimieren wird. Der Rechtspopulismus und rechtes Gedankengut scheint für einen Teil der deutschen Bevölkerung eine Anziehungskraft zu haben. Über die Ursachen müssen wir uns als Gesellschaft Gedanken machen. Es ist eine Entwicklung, die man nicht verharmlosen darf.

SJ: Was finden Sie positiv an unserer heutigen Gesellschaft in Deutschland?

Güvercin: Ich finde Vieles positiv in unserer heutigen Gesellschaft. Oft fokussieren wir uns in Deutschland auf die Dinge, die vielleicht nicht so laufen, wie sie sollten, und sehen die positiven Dinge nicht, sehen nicht die Dinge, die uns die Gesellschaft auch gibt. Natürlich gibt es Probleme und Herausforderungen, wenn wir uns anschauen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander driftet, oder das Teile der Gesellschaft Ressentiments entwickeln gegenüber anderen Teilen der Gesellschaft. Aber bei allen Problemen hat Deutschland auch viel zu bieten an zivilgesellschaftlichem Engagement zum Beispiel. Zahlreiche Menschen engagieren sich etwa in der Flüchtlingsarbeit ehrenamtlich. Das übersehen wir allzu oft. Und die Gesellschaft hier gibt mir Dinge, die in anderen Ländern nicht selbstverständlich sind.

SJ: Was fehlt ihr?

Güvercin: Es fehlt an Gelassenheit. Oft werden Themen debattiert auf eine hysterische Art und Weise, wo man sich die Frage stellt, ob das nicht eher Scheindebatten sind. Man dramatisiert und zieht bei Debatten immer extreme negative Phänomene heran, und verallgemeinert diese. Das sehen wir in den sogenannten Flüchtlings- oder Islamdebatten. Man nimmt extreme negative Einzelfälle und projiziert diese auf 'die Muslime' oder 'die Flüchtlinge'. Diese Form der Debatte hilft uns weder als Gesellschaft, noch kann man durch so eine Debatte wirklich vorhandene Probleme sinnvoll diskutieren.

SJ: Haben Sie eine positive Zukunftsvision bezogen auf die Entwicklung unserer Gesellschaft?

Güvercin: Ich bin kein Fan von Untergangsszenarien. Jede Gesellschaft steht vor Herausforderungen und Phasen, die vielleicht eher holprig sind. Das darf aber nicht unseren Blick benebeln und uns daran hindern, positiv in die Zukunft zu schauen. Jede Gesellschaft entwickelt sich stetig voran. Eine Gesellschaft ist kein starres Konstrukt, was man auf Teufel komm raus so beibehalten muss. Das funktioniert nicht. Die Gesellschaft ändert sich, entwickelt sich weiter, wie sich auch Sprachen, Kulturen und Lebensweisen sind ändern und weiterentwickeln. Das können auch Ideologen aus welchem Lager auch immer nicht verhindern.

SJ: Und einen damit verbundenen Appell an die Menschen, inwiefern sie sich dafür einsetzen können?

Güvercin: Wichtig ist es die Dinge nicht nur aus seiner persönlichen Perspektive zu sehen, sondern die Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen zu suchen, andere Sichtweisen kennenzulernen. Man muss diese ja nicht teilen, aber alleine das Wissen um die Existenz anderer Sichtweisen bringt einem etwas. Direkte Begegnung mit Menschen und anderen Auffassungen ist wichtig, denn ansonsten reden wir nur über Andere, statt mit ihnen gemeinsam zu reden. So entstehen dann ganz schnell Missverständnisse, Ressentiments und Vorurteile. Und statt nur über 'die' Politik oder 'die' Medien zu schimpfen, sich über alles und jeden zu empören, sollte man als Bürger auch sich die Frage stellen, was man denn selber der Gesellschaft gibt. Engagement ist immer besser, als dumpfes Ressentiment.

Wer mehr von Eren Güvercin lesen möchte, sollte seinem Blog "Grenzgängerbeatz" unter http://erenguevercin.de/ einen Besuch abstatten. Besonders empfehlenswert ist das Interview mit dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler.

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